
„Hey, kann ich mal dein Handy haben“, fragt der junge Mann seine Sitznachbarin im Bus. Er wird aufdringlich, lehnt sie nach vorne und versperrt ihr den Ausgang. Die anderen Fahrgäste bemerken die Situation. Doch wie sollen sie reagieren? Genau diese Frage war der Kern einer ungewöhnlichen Übung von Polizei, Dominik-Brunner-Stiftung und den Donau Volleys in Regensburg.
Die Situation war in diesem Fall gestellt: Der „Bus“ bestand aus ein paar zusammengestellten Stühlen, die „Fahrgäste“ waren Sportler der Donau Volleys Regensburg und der „Belästiger“ war Polizist Jonas Krauß. Der Beamte führte am Montagabend im Saal des Münchner Hofs in der Altstadt durch Praxisübungen rund um das Thema Zivilcourage. Krauß (ganz nebenbei Hobby-Volleyballer) hatte gemeinsam mit Ex-Polizist Bernhard Walter von der Dominik-Brunner-Stiftung den Abend auf die Beine gestellt. Das Ziel: Vermitteln, wie man in Notsituationen als Betroffener handelt, wie man als Außenstehender helfen kann und wo die rechtlichen Grenzen liegen. Bestenfalls, so hoffen die beiden, tragen die Sportler – unter ihnen einige Jugendtrainer – das Wissen dann im Verein weiter.
Zurück im „Bus“: Die simulierte Belästigung spitzt sich zu. Als der junge Mann der Frau immer näher kommt und die meisten Fahrgäste noch überlegen, was sie tun sollten, meldet sich ein Sitznachbar zu Wort. Der Mann soll sie in Ruhe lassen, sagt er. Der Belästiger dreht sich um: „Was willst du jetzt?“ Der Sitznachbar weicht etwas ratlos zurück. Dann reagiert eine andere Frau, ruft lautstark nach dem Busfahrer um Unterstützung. Daraufhin zieht sich der Täter zurück, die Situation löst sich auf. „Sehr gut“, sagt Bernhard Walter, der alles beobachtet hat.

„Wisst ihr, die Täter sind meistens nicht die mutigsten“, erzählt Walter aus seiner Polizeierfahrung. Schon zu viel Aufmerksamkeit und laute Gegenrede könnten sie oft dazu bringen, abzulassen. „Also habt ihr das gut gemacht“, lobt er die Volleyballer. Die nicken sich grinsend zu. „Einer hat begonnen, etwas zu tun. Das ist oft die größte Hürde: der Bystander-Effekt, das Zögern, weil ja andere da sind“, sagt Walter. Auch die Reaktion der zweiten Frau, laut nach Unterstützung zu rufen, sei goldrichtig gewesen. „Holt – euch – Hilfe“, sagt er, jedes Wort betonend. Am Ende sei nichts schlimmer, als wegzusehen. Um das zu verdeutlichen, fragt er das Opfer: „Wie hast du dich gefühlt?“ Obwohl die wusste, dass es nur gespielt war, sei es trotzdem ziemlich unangenehm gewesen, antwortet sie.
Zivilcourage-Übung vor kurzem im Pindl Gymnasium Regensburg
Bernhard Walter kennt die Reaktionen auf solche Übungen. Erst im Oktober hat er einen ähnlichen Kurs am Regensburger Pindl Gymnasium gehalten. Die Rollenspiele hätten stets eine erstaunliche Wirkung, sagt er. In einer der Übungen zum Beispiel werden die Teilnehmer in Aggressoren und Opfer aufgeteilt. Die Täter sollen schnell und direkt auf ihre Gegenspieler zugehen. Die Angegriffenen strecken ihnen dann die erhobe Hand ins Gesicht und brüllen so laut wie möglich „Stopp“. Obwohl sie wüssten, dass alles nur gespielt ist, würden die Teilnehmer erstmal zusammenzucken, einen Schritt nach hinten stolpern. Jedes Mal. Der Rat, laut Stopp zu rufen, klinge erstmal schlicht, sagt Walter. Doch allein wie oft er damit in seiner Polizistenkarriere aggressive Menschen auf einen Schlag ruhiggestellt habe, könne er gar nicht abzählen. Selbsthilfe war in dieser Hinsicht ein großer Teil der Übung am Montag. Großes Interesse erweckten rechtliche Fragen über die Grenzen von Notwehr oder die Sinnhaftigkeit von Pfefferspray, die die beiden Polizisten beantworten konnten.

An Schulen und Betrieben hat Walter solche Kurse schon oft abgehalten, mit Vereinen noch nie. Die Donau Volleys Regensburg hätten sich in dieser Hinsicht als Vorreiter angeboten, unter anderem weil sie selbst ein großes Augenmerk auf soziale Werte legen. Auf der Vereinshomepage stehen diese Werte prominent auf der Startseite: Bunt, respektvoll und mit pädagogischem Auftrag sehen sich die Donau Volleys. Dies passe laut Walter gut zur Dominik-Brunner-Stiftung, die Menschlichkeit und Mut statt Gleichgültigkeit fördern will. Benannt ist sie nach einem Mann, der 2009 in der Münchner S-Bahn Jugendlichen helfen wollte, zusammengeschlagen wurde und später in der Klinik starb. Zivilcourage, so sagt Polizist Jonas Krauß, beginne dabei nicht mit Gewalt, sondern schon wenn man sich in Alltagssituationen gegen Mobbing und Rassismus stelle. Auch dazu machten die Donau Volleys am Montag eine Praxisübung.

„Ich find’s wichtig, dass man solche Themen mal in der Theorie bespricht“, zog Volleyballerin Leni Bauer am Montag ihr Fazit aus dem Kurs. „Wenn man mal in einer Situation ist, hat man vielleicht nicht mehr so den klaren Kopf. Und wenn man sowas in der Theorie schonmal durchgesprochen hat, hat man vielleicht doch eine Idee, wie man sich verhalten könnte. Und wenn es nur eine kleine Sache ist, die hier hängenbleibt, hat das schon etwas gebracht.


